Ausflug zum Glockenguss

23. Mai 2019 Text: Manfred Schaake, Fotos: Dennis Willershausen

Am 17. Mai machten sich Mitglieder der Kirchengemeinde Wenzigerode auf den Weg zum Glockenguss bei der Firma Bachert. Diese hat ihren Sitz in Neunkirchen im Neckar-Odenwald-Kreis.
Es war ein einmaliges Erlebnis, als das rotorange glühende, brodelnde Erz wie ein Lavastrom in die Form floss. Beim Glockenguss muss absolute Ruhe herrschen, damit die Gießer hören, wann die Form voll ist. Die 1080 Grad heiße Glockenspeise aus Kupfer und Zinn zischt, fließt wie ein zäher Brei. Die Bronze speit Feuer und Flamme.
Die kleinere Glocke mit der Inschrift ‚Friede auf Erden – Wenzigerode 2019‘ ist nun fertig gegossen und muss noch abkühlen. Es bleibt spannend, ob der Guss in der richtigen Tonhöhe es‘‘ gelungen ist. Diese Glocke wird 210 Kilogramm wiegen. Die größere Schwester mit 330 Kilogramm in Tonhöhe c‘‘ wird in einigen Wochen gegossen. Die Wenzigeröder freuen sich schon auf den Gottesdienst zur Glockenweihe im Sommer.
Wir danken Manfred Schaake für den anschaulichen, ausführlichen Bericht in der HNA vom 21.5., den wir hier mit seiner Zustimmung gern noch einmal veröffentlichen:

Mitglieder der Kirchenvorstandes Wenzigerode erlebten in der Werkstatt Bachert in Baden den Guss ihrer neuen Glocke mit. Das Gotteshaus erhält als Ersatz für zwei Stahlglocken aus 1949 zwei neue Bronzeglocken für 30 000 Euro. Der Termin der Glockenweihe steht noch nicht fest.
Von Manfred Schaake
Wenzigerode/Neunkirchen  Die 134 Mitglieder der evangelischen Kirchengemeinde Wenzigerode und die übrigen Bürger müssen sich noch gedulden. Bis die beiden neuen Bronzeglocken für ihre Kirche erstmals erklingen, wird es wohl noch ein paar Monate dauern. Pfarrerin Dorothea Wecker und Mitglieder des Kirchenvorstandes mit ihren Angehörigen erlebten in der Werkstatt Albert Bachert in Neunkirchen im Neckar-Odenwald-Kreis den Guss der kleineren Glocke mit. Ein Termin für die Fertigstellung des Geläuts und die Montage der Glocken konnte noch nicht genannt werden.
Für die Gäste aus dem Bad Zwestener Ortsteil war der Guss etwas Besonderes. Pfarrerin Wecker: „Einzigartig, berührend, spannend, weil man nicht weiß, was herauskommt. Was herauskommt, soll zur Ehre Gottes und zur Freude der Menschen erklingen. Nach der Renovierung bekommt unsere Kirche nun auch ihre Stimme wieder.”
o Die Stimmen: Das sind neben der alten, kleinen Bronzeglocke zwei neue Glocken in den Schlagtönen c’’ und es’’ mit einem Gewicht von 330 und 210 Kilogramm mit einem Durchmesser von 80 beziehungsweise 68 Zentimetern.
o Wie auf den bisherigen Glocken lauten die Inschriften: Ehre sei Gott sowie Frieden auf Erden – Wenzigerode 2019.
„Das ist Knochenarbeit, einfach faszinierend”, sagte nach dem Glockenguss Klaus-Dieter Reuter, stellvertretender Vorsitzender des Kirchenvorstandes. „Ich hoffe, dass die neuen Glocken mindestens 300 Jahre halten und das kirchliche Leben in den Familien begleiten.” Dass alle Glocken etwas Wertvolles für die Zukunft werden, wie es Reuter ausdrückt, das wollen natürlich auch die Glockengießer. Das Unternehmen Bachert besteht seit 1725, ist von Karlsruhe nach Neunkirchen in Baden umgezogen.
In der staubigen Werkhalle am Rande eines Gewerbegebietes herrscht an diesem Freitag Hektik. Das Gebläse eines mit Öl befeuerten Ofens macht einen ohrenbetäubenden Lärm. Männer mit Schutzanzügen, Brillen und Helmen stehen neben dem Ofen, in dem die Glockenbronze brodelt – 78 Prozent Kupfer und 22 Prozent Zinn. Die Christen aus Wenzigerode warten voller Spannung zwischen sechs neuen, bereits fertigen Glocken für die Sankt Nilolai- Kirche in Leipzig. Die größte Glocke, die Osanna, wiegt 6,775 Tonnen und hat wunderschöne Verzierungen.
Frisch gemauert in der Erden, steht die Form, aus Lehm gebrannt. So, wie es Friedrich Schiller in der berühmten „Glocke” beschreibt, erleben es die Besucher. Jetzt Gesellen, frisch, prüft mir das Gemisch. Ob das Spröde mit dem Weichen, sich vereint zum guten Zeichen. Wohl! Nun kann der Guss beginnen, doch bevor wir’s lassen rinnen, betet einen frommen Spruch.
Es wird ganz still in der Halle, in der immer freitags – dem Sterbetag Jesu Christi – Glocken  gegossen werden. Pfarrerin Wecker und die Gemeinde beten abwechselnd, bitten um den Segen für das flüssige Metall und für die Gemeinde: „Lass sie wachsen im Glauben und in der Liebe.”
„In Gottes Namen – wir gießen.” Nicolai Wieland gibt das Startzeichen. Es ist ein einmaliges Erlebnis, wenn das rot-orange glühende, brodelnde Erz wie ein Lavastrom in der Form verschwindet. Beim Glockenguss muss absolute Ruhe herrschen, damit die Gießer hören, wann die Form voll ist. Die 1080 Grad heiße Glockenspeise zischt, fließt wie ein zäher Brei. Die Bronze speit Feuer und Flamme.
Glocken werden in einem flammenden Inferno gegossen.
Die Männer in den Schutzanzügen gießen Musikinstrumente zu Ehren Gottes. „Großer Gott, wir loben Dich”, singt die Wenzigeröder Gemeinde, und: „Lobe den Herren.” Am Ende beten alle das Vater unser. Unter den Gästen war auch der Kaufunger Bezirkskantor Martin Baumann: „Die Vielfalt der Glocken ist faszinierend. Glocken sind ein wichtiges Stück Heimat.” 
 Für Kirchenvorstandsmitglied Marko Schaumburg ist die Anschaffung der neuen Glocken in mehrfacher Hinsicht ein bedeutsames Vorhaben, das nicht nur die Kirchengemeinde selbst betreffe, sondern auch alle Bürger, die sich mit ihrer ländlichen Heimat identifizieren. Es sei von überregionalem Interesse und ein großer Festakt, wenn ein Dorf neue Glocken erhalte, da diese individuell und einzigartig für den Ort hergestellt würden. Nach dem Einschmelzen der alten Glocken in den letzten beiden Weltkriegen waren die beiden gusseisernen Glocken aus 1949 nach den Worten Schaumburgs in der Nachkriegszeit ein Segen, aber auch nur eine übergangsweise Behelfslösung. Schaumburg: „Mit den neuen Bronzeglocken erhält nicht nur die Kirche, sondern auch das Dorf Wenzigerode einen neuen Klang der Hoffnung und Dankbarkeit zurück, wie es auch auf den Glocken steht: „Friede auf Erden und Ehre sei Gott in der Höhe.”
Für den Glockenexperten und Türmer von Homberg, Dennis Willershausen, sind die neuen Glocken etwas, „was ewig Gottes Wort verkünden und die Menschen begleiten und einladen wird zum Gottesdienst.” Laut Willershausen hat das Unternehmen Bachert 1962 in Kochendorf eine fast eine Tonne schwere Glocke für Zwesten gegossen.”  
  
HINTERGRUND
Älteste Glocke aus dem Jahr 1725
Mit der ältesten Glocke besitzt die Kirchengemeinde Wenzigerode ein Juwel. Die kleine Bronzeglocke, die per Hand geläutet wird, hat Constantin Ulrich im Jahre 1725 gegossen. Im Ersten und Zweiten Weltkrieg wurden jeweils beide größeren Glocken beschlagnahmt und für Kanonen eingeschmolzen. Von den 1949 angeschafften zwei Stahlglocken ist eine schon seit 2016 kaputt.
„Diese Glocken hatten auch keinen besonders guten Klang”, sagen Wenzigeröder. Und so ist mit dem Neuguss natürlich auch der Wunsch verbunden, dass diese Glocken nie wieder zu Kriegszwecken missbraucht werden. Und auch schon Friedrich Schiller wünschte: „Freude dieser Stadt bedeute, Friede sei ihr erst Geläute.” Was natürlich auch für jedes Dorf gilt. 
 
Glockenlikör hilft bei der Finanzierung
 Etwa 30 000 Euro kosten die neuen Glpcken für Wenzigerode mit Läutewerk und Montage. 8087 Euro wurden gespendet, den Rest finanziert der Kirchenkreis, wie Pfarrerin Dorothea Wecker im HNA-Gespräch erläutert. Sie ist mit dem Spendenergebnis sehr zufrieden. Schon nach einem Jahr habe der Betrag zur Verfügung gestanden – zwei Jahre hatte man einkalkuliert. Das zeige, dass die Menschen Freude am Geläut habe. Der so genannte freiwillige Gemeindebeitrag aus allen drei Gemeinden floss in das Glockenprojekt.
Zur Finanzierung mit beigetragen hat auch der Glockenlikör, eine Spezialität von Ingeborg Reuter. 536 Euro spendeten die Liebhaber des leckeren Likörs zu Gunsten der Glocken.